Wie KI Beteiligung sichtbar macht – Buch zur partizipativen Stadtgestaltung veröffentlicht
Eichstätt, November 2025. Was passiert, wenn eine Kleinstadt beginnt, sich selbst neu zu denken? Was geschieht, wenn Bürgerinnen und Bürger, die Verwaltung und Architektinnen gemeinsam Zukunftsbilder entwerfen und dabei von einer Künstlichen Intelligenz unterstützt werden? Das neue Buch „Wenn Städte träumen. KI Oasen. Partizipative Stadtgestaltung mit Künstlicher Intelligenz“ von Weiss Architekten dokumentiert genau dieses Experiment. Es beschreibt ein reales Projekt in Eichstätt, das Stadtplanung als gemeinsames Imaginieren versteht und Künstliche Intelligenz als ein Werkzeug des Zuhörens einsetzt
Innenstädte im Wandel – vom Konsumraum zum Begegnungsraum
Viele deutsche Städte stehen vor der gleichen Herausforderung: Der Einzelhandel verschwindet, Straßen veröden, öffentliche Räume verlieren ihre Seele. Für Daniel Weiss ist das kein Grund zur Resignation, sondern Anlass zum Umdenken. „Wichtig ist mir die Arbeit auf Augenhöhe mit allen Stakeholdern, die beim Bau beteiligt sind. Im offenen Gespräch entstehen die besten Lösungen“, sagt der Architekt im Buch. „Wir ArchitektInnen sind verantwortlich für den Entwurf, aber auch dafür, dass wir alle mitnehmen.“ Diese Haltung prägt das Projekt und das Buch gleichermaßen: Stadtgestaltung beginnt nicht mit einem Plan oder dem Bauen von (neuen) Gebäuden, sondern mit einem Gespräch.
Temporäres Stadtlabor Eichstätt – Stadt als Experimentierfeld
Im Mittelpunkt steht das Projekt „KI Oasen“, das Weiss Architekten im Jahr 2024 initiierten. Im Buch heißt es: „Im Zentrum stand die Ausstellung, die wir für die Dauer des Projekts in eine Art temporäres Stadtlabor verwandelten.“ Bürgerinnen und Bürger waren eingeladen, ihre Ideen für die Stadt in Worte zu fassen, wobei die Beiträge von „mehr Schatten auf dem Marktplatz“ bis „ein Platz für Begegnung am Wasser“ reichten. Eine eigens weiterentwickelte Künstliche Intelligenz verwandelte diese Texte in Visualisierungen, die öffentlich gezeigt und diskutiert wurden.
Die Autorinnen und Autoren schreiben: „Das Projekt KI Oasen hat die Stadtgesellschaft eingeladen, die Zukunft ihrer öffentlichen Plätze in Bildern auszumalen.“ Sie ergänzen: „Dadurch wurde Stadtplanung zu einem kollektiven Imaginieren, öffentlich und dialogisch.“
Viele Besucherinnen und Besucher nahmen die Ausstellung als etwas Neues wahr. Einige gaben die Rückmeldung, „wie sehr sie es schätzen, ‚ihre Stadt auch träumen zu dürfen‘, jenseits der üblichen engen Beteiligungsformate.“
Im Verlauf des Projekts entwickelte sich ein neues Gespräch über die Stadt, das niedrigschwellig, kreativ und offen geführt wurde. Eichstätt verwandelte sich für einige Wochen in ein temporäres Stadtlabor, in dem Künstliche Intelligenz, Kunst und Kommunikation eine neue Form der Teilhabe ermöglichten.
KI als Mitgestalterin – w e i s s Architekten entwickeln Tool weiter
W e i s s Architekten entwickelten die KI-Lösung und das Verfahren während des Projekts gezielt weiter, um Beteiligung sichtbar zu machen. Weiss erklärt im Buch: „Es geht nicht darum, perfekte Renderings zu erzeugen, sondern darum, Resonanz zu erzeugen, dass Menschen sich wieder als Teil einer gemeinsamen Idee von Stadt erleben.“
Im Buch wird diese Idee einer Erweiterung durch Künstliche Intelligenz selbst erfahrbar. Die fiktive KI-Stimme Alia begleitet die Lesenden als dialogischer Spiegel. Sie strukturiert Diskussionen und hinterfragt Annahmen. Dadurch entsteht ein zusätzlicher Blickwinkel, der das Projekt nicht nur beschreibt, sondern zugleich reflektiert.
Das Projekt wird vom Büro kontinuierlich weiterentwickelt, um die Potenziale von Künstlicher Intelligenz in Beteiligungsprozessen auszuloten und die Methoden weiter zu verfeinern. Bei einer Präsentation des Buches im Rahmen von „Stadt Land Kunst“ wurde erstmals ausprobiert, dass Teilnehmende ihre eigenen Begriffe direkt in die KI eingeben und unmittelbar bildhafte Rückmeldungen erhalten konnten. Diese direkte Einbindung funktionierte sehr gut und bestätigte die Grundidee des Konzepts. Die 52 Ergebnisse dieser Beteiligung sind unter https://w-e-i-s-s.com/allgemein/partizipativ-gestaltete-zukunftsbilder/ einzusehen.
Daniel Weiss sagt dazu: „KI kann uns nicht das Denken abnehmen, aber sie kann uns helfen, komplexe Zusammenhänge sichtbar zu machen. Gerade in einer Zeit, in der Stadtentwicklung komplexer und vielfältiger wird, brauchen wir Werkzeuge, die mit dieser Komplexität umgehen können und die Kommunikation öffnet.“
Zukunft als Lernprozess – Futures Literacy
Die Publikation von Weiss Architekten greift auch das Konzept der Futures Literacy auf, das von der UNESCO geprägt wurde. Dieses Konzept beschreibt die Fähigkeit, Zukunftsszenarien zu denken, bevor sie eintreten. Für Weiss Architekten bedeutet dies, Unsicherheit nicht als Risiko, sondern als Ressource zu verstehen. Im Buch heißt es: „Die Zukunft ist kein Schicksal, sondern ein offener Möglichkeitsraum, den wir aktiv gestalten können.“
Diese Haltung prägt auch die praktische Arbeit. Aus der Anwendung der Künstlichen Intelligenz entsteht ein Lernwerkzeug, das kommunale Diskurse erweitert. Wenn Menschen gemeinsam Zukunftsbilder erzeugen, entwickelt sich ein gemeinsames Vokabular für das, was möglich wäre, und zwar jenseits technischer Einschränkungen oder finanzieller Rahmenbedingungen.
Stimmen aus der Stadt – Dialog als Haltung
Eichstätts Oberbürgermeister Josef Grienberger beschreibt im Buch, wie wichtig es ist, Vielfalt im Dialog auszuhalten. Er sagt: „Es gibt nicht die eine Aufenthaltsqualität. Eine Stadt muss unterschiedlichsten Erwartungen gerecht werden. Das verlangt, dass sich jeder nicht immer so ernst oder vielleicht nicht ganz so wichtig nimmt in seinen Bedürfnissen, sondern dass wir es immer schaffen, in den Diskussionen eine Offenheit für den Blick des anderen zu bekommen. Ich glaube, daraus entstehen die besten Lösungen.“
Das Buch versteht genau diese Offenheit als eine grundlegende Voraussetzung für Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert und verbindet sie mit einer neuen Form der Zusammenarbeit zwischen Planung, Politik und Bevölkerung.
Vom Mangel zur Möglichkeit
Gerade kleinere Kommunen stehen vor großen Herausforderungen wie finanziellem Druck, ambitionierten Klimazielen und Personalmangel. Das Buch „Wenn Städte träumen“ zeigt jedoch, dass sich aus diesen Einschränkungen auch Kreativität entwickeln kann. Die Publikation dokumentiert nicht nur ein Projekt, sondern beschreibt einen grundlegenden Paradigmenwechsel. Dieser Wandel führt weg von linearen Masterplänen und hin zu offenen Prozessen, die Zukunft als kollektive Lernbewegung begreifen. Eichstätt wurde mit dem temporären Stadtlabor zu einem Beispiel dafür, wie Transformation auf lokaler Ebene gelingen kann, und dies trotz geringer Öffentlichkeitsarbeit mit einer hohen Beteiligung der Bevölkerung.
Ein Buch wie ein Stadtraum
„Wenn Städte träumen“ ist zugleich Manifest, Dokumentation und Einladung. Die Publikation verbindet Forschung, Praxis und Haltung zu einem erzählerischen Bild der Stadt als einem Resonanzraum. Sie richtet sich an Architektinnen, Stadtplaner, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sowie an alle Menschen, die Stadt als eine gemeinsame Aufgabe verstehen, die mutig, menschlich und offen für Neues gestaltet wird.
Buchinformationen
Titel: Wenn Städte träumen – KI-Oasen. Partizipative Stadtgestaltung mit Künstlicher Intelligenz
Herausgeber: Daniel Weiss, weiss Architekten, Eichstätt
Projektleitung: Daniel Weiss & Andreas Dannemann
Mitwirkende: Svenja Kissmer, Verena Köngeter, Andreas Dannemann, Daniel Weiss
Illustrationen: Maxime Diemert
Verlag: BoD – Books on Demand, Hamburg
ISBN: 978-3-8192-3397-5
Erscheinungsdatum: Oktober 2025
Umfang: 96 Seiten, farbig bebildert
Zum Buch: https://buchshop.bod.de/ki-oasen-wenn-staedte-traeumen-9783819233975
(auch auf Amazon & Thalia erhältlich)